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Beim Sdrenka

 


Es war einmal „Beim Berthold”, ein kleiner Biergarten in Schweinheim, mitten auf dem amerikanischen Truppenübungsplatz. Berthold Sdrenka, geboren im Februar 1917 in Königsberg/Ostpreußen, verheiratet mit Ursula Hoedt, geboren im März 1923 in Posen/Westpreußen, hatte es nach dem Zweiten Weltkrieg als Heimatvertriebene nach Aschaffenburg verschlagen. Hier wollten sie sich eine neue Existenz aufbauen, denn ein Koffer voller Habseligkeiten war alles, was ihnen geblieben war. In der Schweinheimer Dümpelsmühle fand Berthold Sdrenka ein Zimmer. Er wurde als Knecht und landwirtschaftlicher Verwalter eingestellt. Langsam wuchs die Familie. Sohn Gerhard kam im September 1947 und Tochter Gisela im Dezember 1949 auf die Welt. Berthold musste sich eine neue Arbeit suchen, da seine Wohnverhältnisse in der Dümpelsmühle zu eng geworden waren. Bei den amerikanischen Streitkräften, die in Aschaffenburg-Schweinheim stationiert waren, fand er eine neue Anstellung. Er durfte mit seiner Familie ein Haus auf dem Exerzierplatz beziehen mit der Auflage, den benachbarten deutsch-amerikanischen „Rifle und Pistolclub“ nebenberuflich zu führen. Neben seiner Tätigkeit als Barkeeper war er für die nötigen Einkäufe zuständig. Der Clubraum mit der großen Bar-Theke befand sich im vorderen Teil der Baracke, der Luftgewehr- und Pistolen-Schießstand im hinteren Teil. Berthold führte den Club von 1950 bis 1960. Im Mai 1950 zog die Familie Sdrenka in die neue Unterkunft ein. Zuerst wurde es als reines Wohnhaus genutzt, später kam noch ein Gastronomiebetrieb hinzu. Mitte der 50er Jahre entdeckten Pilzsammler und Spaziergänger diesen idyllischen Platz. In Gottes freier Natur saß man am Wochenende gemütlich beisammen, trank Bier und aß eine ordentlichen Brotzeit. Es sprach sich in Schweinheim schnell herum, dass sonntags auch ein Frühschoppen ausgeschenkt wurde.

 


Einige urige, alteingesessene Schweinheimer kamen zum Stammtisch, z.B. Reinhard Sauer, Josef Müller, Karl Schermbach, Jakob-, Josef und Anton Wüst, um nur einige zu nennen. Förster Buckl gesellte sich auch dazu. Sie kamen am Wochenende (unter der Woche war kein Ausschank) nach einem Spaziergang oder vom Pilzsammeln zum „Sdrenka“ und zeigten ihre gefundenen Pilzexemplare. Man diskutierte über die schönsten und größten Steinpilze, Pfifferlinge und Champignons. Sogar Hund „Hassel“, der Rauhaardackel von Jakob Wüst, begutachtete mit Brille und Pfeife die Pilzsammlung. Man kam zusammen, trank sein Bier, erzählte von wahren und unwahren Begebenheiten, lachte und war froh, wieder einmal beim „Berthold“ gewesen zu sein.

 

So ging es einige Jahre weiter, bis 1961 die Erweiterung des Militärgeländes dem fröhlichen Treiben ein Ende setzte. Familie Sdrenka musste sich nach einer neuen Bleibe umsehen und zog in die Rhönstraße um. Durch eine Vereinbarung zwischen dem Bund und den Amerikanern durfte das kleine Haus von der Schweinheimer Reservisten-Kameradschaft mitgenutzt werden.

Am 28. Februar 1990 verstarb Berthold, seine Frau Ursula am 10. Mai 1994. Beide fanden auf dem Schweinheimer Friedhof ihre letzte Ruhestätte.

Die Nachkriegsgeschichte ging zu Ende. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgabe hatte am 15. Mai 2007 den größten Teil der Benutzungsverträge für den Standortübungsplatz Schweinheim zum 31. August 2007 gekündigt. Die Fläche, die von den Amerikanern zur militärischen Nutzung annektiert worden war, hatte die Stadt Aschaffenburg am 1. September 2007 zurück erhalten.

Das Haus wird nun vom Bundesforstamt Bad Kreuznach und dem zuständigen Arbeitskreis der Stadt Aschaffenburg verwaltet. Mit dem Abzug der Amerikaner musste auch die Reservistenkameradschaft das Haus verlassen. Heute steht das Haus, das an so viele Geschichten von damals erinnert, einsam und verlassen am Schweinheimer Wald.

Schweinheim, September 2008

Kurt Sauer, HuGV Schweinheim

 



Das „Sdrenka-Haus“ 2008

Dieser Bericht wurde in Zusammenarbeit und mit ausdrücklicher Genehmigung von Familienangehörigen und unter Mitwirkung Schweinheimer Zeitzeugen erstellt.