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Das Kappenwunder

Von Wilhelm Syndikus

 

Man schrieb das Jahr 1927. Meine Eltern hatten in mühevoller und aufopfernder Hilfsarbeit in Schweinheim in der Friedrich-Ebert-Straße (heute Weinbergstraße) ein Einfamilienhaus erbauen lassen.

Ich wurde während der ärmlichen Nachkriegszeit im Jahre 1919 in einer Behelfswohnung eines Nebengebäudes der damaligen Bäckerei Lenk in Haibach geboren. Meine ersten Kinderjahre, bis einschließlich des ersten Volksschuljahres, verbrachte ich recht und schlecht in Haibach. Nun war ich sehr froh, im Alter von acht Jahren mit meinen Eltern und meiner kleinen Schwester in das neu erbaute Eigenheim in Schweinheim einziehen zu können.

Wir alle waren sehr glücklich, hatten wir nun doch unser „eigenes Dach über dem Kopf“. Zudem hatten wir nun auch sofort elektrisches Licht und eine Wasserleitung, d.h. fließendes Wasser für die damalige Zeit ein großer Fortschritt. Der Vater hatte über die „Bayerische Landessiedlung" einen zinslosen Kredit von neuntausend Reichsmark aufgenommen, mit dem, außer den Eigenleistungen, der Bau finanziert werden konnte. Die Schuld konnte in jährlichen Raten nach und nach wieder abgetragen werden.

Ein schöner Hausgarten schloss sich an das Haus an, in den der Vater sofort allerlei Obstgehölze pflanzte, während die Mutter sich um den Anbau von Salat und Gemüse kümmerte. Kurz und gut, wir hatten nun allen Grund, einen frohen Alltag zu genießen.

In der Schule hatte ich mich, trotz des anfänglichen Gespötts meiner Mitschüler wegen meiner etwas anderen Aussprache im „Haibacher Dialekt", bald eingelebt. Ich absolvierte bis einschließlich dem siebten Schuljahr mit dem gleichen Lehrer -einem „sehr frühen Nationalsozialisten"- die Hauptschulzeit.

 

 

Das Kappen-Wunder

 

Im dritten Schuljahr feierten wir in schlichtem Rahmen meine Erstkommunion, und gleich darauf wurde ich von unserem unvergessenen Pfarrer Umenhof in den Kreis der Ministranten aufgenommen. Das bedeutete, ich musste nun täglich schon vor dem Schulunterrichtsbeginn im Frühgottesdienst anwesend sein. Zunächst wurde ich mit anderen, schon älteren Ministranten längere Zeit im Altardienst eingesetzt, wofür man natürlich die lateinischen Stufengebete und das Confiteor (das christliche Schuldbekenntnis auf lateinisch) lernen musste. Später hatte ich auch öfter Dienst auf dem Glockenturm (damals gab es noch kein elektrisches Läutwerk). Dort oben geschah einmal eine tolle Geschichte:

Vom Glockenturm aus führte eine kleine Tür in den großen Kirchenspeicher, durch den von hier aus bis unmittelbar über den Chor ein etwa eineinhalb Meter breiter Holzsteg führte. Rechts und links davon konnte man auf die hier oben endenden neugotischen Rundbögen hinabsteigen, die mit einfachem Backsteinmauerwerk erbaut waren und ganz oben mit einer im Durchmesser von etwa einem halben Meter angeordneten Öffnung endeten.

Kein Wunder, dass wir „bösen Buben" während der Sonntagspredigt oft die Gelegenheit wahrnahmen, uns im Liegen rund um die „Gucklöcher" zu platzieren, um auf das andächtig lauschende Kirchenvolk - dabei natürlich vornehmlich auf die weibliche Jugend - hinab zuschauen. So auch an einem besonders kühlen Herbstsonntag, an dem wir uns der Kälte wegen auch hier oben mit einer Kappe den Kopf warm zu halten bemühten.

Die Predigt des Pfarrers war in vollem Gange, als wir uns an unseren begehrten „Schauplatz" begaben. Kaum hatten wir rings um die Öffnung Platz genommen und die ersten, im Flüsterton abgefassten Kommentare über diese und jene holde Maid abge­geben, fiel meinem Freund Hans aus Unachtsamkeit die Kappe vom Kopf. Sie nahm ihren Weg akkurat durch unser „Guckloch", fiel durch den hohen Kirchenraum hinunter und direkt vor der Kanzel und dem erschrockenen Pfarrer, dem die Stimme versagte, zu Boden.

Nicht nur der Pfarrer, auch alle Kirchenbesucher hatten das „Wunder" wahrgenommen und die Predigt des Pfarrers war so gut wie vergessen. - In der Tat beendete dieser sie auch bald danach. Interessant wurde das Geschehene aber erst nach dem Gottesdienst, als sich das Kirchenvolk noch vor der Kirche versammelte und das Erlebte heftig diskutierte. Man wusste einfach mit der ganzen Angelegenheit nichts anzufangen. Keiner konnte sagen, wo nun diese Mütze eigentlich hergekommen war, und die so genannten älteren „Betschwestern" meinten sogar, der heilige Geist hätte akkurat bei der frommen Predigt ein Zeichen gegeben.

Nun, für uns Ministranten kam ein deutliches Zeichen erst dann, als uns der Pfarrer nach dem Gottesdienst in die Sakristei rief und in seiner Art mit uns die Angelegenheit bereinigte! Heimlich wird er jedoch in seiner leutseligen Art ein wenig in sich hineingelacht haben. Spaß halber hat er dann einmal in einer geselligen Runde beiläufig geäußert: „Meine Messdiener werden einmal Heilige oder Spitzbuben!"- Nun, soweit das mich angeht, ich glaube zu keiner dieser beiden Gruppen zu gehören. Somit durfte die Prognose unseres unvergessenen Pfarrers bei mir total fehlgeschlagen sein.

 

Wilhelm Syndikus, 2005
† 27.9.2007